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Der Schmerz, ein Roboter-Lehrer zu sein

Und gera­de jetzt spü­re ich ihn wie­der inten­siv und deut­lich: die­ser elen­de Schmerz, jeman­dem etwas bei­brin­gen zu müs­sen für das er sich (zumin­dest im Moment) gar nicht inter­es­siert. Und es ist o. k. so. Man kann sich nicht auf Befehl für etwas inter­es­sie­ren. Nie­mand kann ein­fach die­sen Schal­ter umle­gen, und dann brennt er für ein The­ma. Es geht ganz anders: Das Herz, die Freu­de – was einen erfüllt, ist ein frei­er Vogel. Und das Inter­es­se ist es auch.

Lernen als Pflichterfüllung?

Es schmerzt mich zutiefst, wenn ich als Dozent an der Hoch­schu­le 28 Stu­die­ren­de in einem Raum unter­rich­te und deut­lich spü­re, dass der größ­te Teil die­ser Stu­die­ren­den nicht aus ech­ter Freu­de und Inter­es­se da sind (also weil sie ihr Herz dahin führt), son­dern weil sie vor allem ihre Pflicht erfül­len müs­sen. Und die­se Pflicht besteht dar­in, nach Stun­den­plan im Zwei­stun­den­takt von Raum zu Raum zu het­zen und nach mehr oder weni­ger klar vor­ge­ge­be­nen Kri­te­ri­en so genann­te Kom­pe­ten­zen auf­zu­bau­en. Und zwar ohne Wenn und Aber. Und das ist nur ein Abbild des­sen, was noch heu­te in der Volks­schu­le pas­siert.

Industrialisierung und Vereinheitlichung

Der moder­ne Staat, die moder­ne Schu­le und unser gan­zes Bil­dungs­sys­tem ist ein alter Zopf aus dem vor­letz­ten Jahr­hun­dert. Geprägt von der Indus­tria­li­sie­rung und dem Wahn nach Ver­ein­heit­li­chung hat die Moder­ne Appa­ra­te und Sys­te­me her­vor­ge­bracht, die im heu­ti­gen Licht immer stär­ker als Mons­ter in Erschei­nung tre­ten. Der moder­ne Staat und mit ihm die Volks­schu­le lot­tert an allen Ecken und Enden. Und eigent­lich ist es schon heu­te deut­lich, dass im gan­zen Sys­tem ein radi­ka­ler Wan­del ange­sagt ist. Leh­re­rin­nen und Leh­rer bren­nen aus. Vie­le Schü­ler auch. Vor allem wenn sie mit ihrem Herz bei der Sache sind. Und sie gleich­zei­tig alle Anfor­de­run­gen und Ansprü­che, die das Sys­tem an sie rich­tet, erfül­len möch­ten.

Auf dem Weg, ein guter Roboter zu werden

Was unse­re Stu­die­ren­den (und die «Schü­le­rin­nen und Schü­ler») im Prin­zip ler­nen, ist es, ein Robo­ter zu sein. Sich wie ein Robo­ter zu ver­hal­ten. Wie ein Robo­ter zu ler­nen. Um spä­ter sel­ber Robo­ter zu pro­gram­mie­ren. In die­ser Hoch­schul­aus­bil­dung (wie auch in der Volks­schu­le) hat es kei­nen Platz, wirk­lich inne­zu­hal­ten, ein­fach zu sein, und jeden Tag erneut nach­zu­spü­ren, was heu­te gelernt wer­den will. Es hat kei­nen Platz, sei­nen eige­nen Lern­weg zu gehen. Sich sei­nen eige­nen, indi­vi­du­el­len Weg zu bah­nen – um spä­ter eine wirk­lich eige­ne Leh­re­rin, ein eige­ner Leh­rer zu wer­den, ein gros­ser Mensch mit einem ganz eige­nen Pro­fil. Wie wir eigent­lich sind. Ein­zig­ar­tig und wun­der­bar.

Pass or fail?

Und es ist genau die­ser Schmerz, den ich füh­le, wenn ich unin­ter­es­sier­te, nicht prä­sen­te Stu­die­ren­de unter­rich­te, wenn ich Leis­tungs­nach­wei­se kor­ri­gie­re, und ich deut­lich spü­re, dass man­cher Stu­dent nur wis­sen möch­te: pass or fail. 1 oder 0. Robo­ter.
Aber der hef­ti­ge Schmerz nährt immer mehr die Ent­schlos­sen­heit, die­sen alten Zopf bald abzu­tren­nen und auf allen Ebe­nen des Sys­tems den Blick zu wen­den. Und einen neu­en, mensch­li­chen Umgang mit unse­ren Kin­dern, Schü­lern und Stu­den­ten zu fin­den. Und ihnen wirk­lich zu hel­fen, wah­re Men­schen zu wer­den. Im Wis­sen: Robo­ter sind bes­se­re Robo­ter. Und Men­schen sind Men­schen. Und ich weiss: ich füh­le das nicht allein.


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