Neues Bewusstsein Perspektiven

Sei still – wach auf!

Kurz­ge­schich­te in Text und Ton.

Gele­sen von Peter Joos (peterjoos.ch)

Die Angst

Dunk­le Wol­ken zie­hen am spä­ten Nach­mit­tag über die Land­schaft. Ich betre­te die Küche. Ich möch­te mir ger­ne etwas zum Essen kochen. Mehr aus Ver­nunft als wegen Hun­gers. Da sieht mich eine Frau etwa in mei­nem Alter mit auf­ge­ris­se­nen Augen an. Ich fra­ge nach, ob alles in Ord­nung sei. Sie zögert.

Im nächs­ten Moment kommt ein Mäd­chen in die Küche. Ihren Blick fast senk­recht zu Boden. Ich kniee mich hin, so dass wir auf glei­cher Augen­hö­he sind. Ich fra­ge auch sie, ob alles in Ord­nung sei. Das klei­ne Mäd­chen schüt­tel­te nur ganz leicht den Kopf. Ich bin ver­wirrt. Wäh­rend ich die­ser Ver­wir­rung nach­ge­hen will, packt mich die Frau am Arm und redet wir­res Zeug durch­ein­an­der: «Pass auf, gib acht, pass auf, es ist über­all.»

Ich hake nach: «Was ist über­all? Wovon redest du?»

Die Frau – den Trä­nen nah – spricht mit zit­tern­de Stim­me: «Die Stim­men, die Hän­de mit den Haken, grau­sa­mes Leid».

Ich spü­re, wie sich mei­ne Haa­re auf den Armen auf­stel­len und es mir kalt über den Rücken läuft. Aber ich fra­ge noch­mal nach: «Was meinst du mit Haken?»

Sie erwi­dert: «Pei­ni­gen­de Schmer­zen über­all, kannst du das nicht spü­ren?»

Ich gehe dem Gefühl nach und plötz­lich neh­me ich ein sehr bedrü­cken­des Gefühl in der Magen­re­gi­on wahr. Das bedrü­cken­de Gefühl brei­tet sich aus. Das Atmen fällt mir schwer. Ich ver­su­che mich zu kon­zen­trie­ren, doch schon im nächs­ten Moment stel­le ich fest, dass mich jemand am Rücken, ja in der Regi­on der Nie­ren berührt. Es ist kei­ne ange­neh­me Berüh­rung. Ich bekom­me es jetzt defi­ni­tiv mit der Angst zu tun. Zeit­gleich drin­gen auf ein­mal pech­schwar­ze Hän­de in mich ein. Sie grei­fen sich je ein Organ und hal­ten es in einem so fes­ten Griff fest, dass ich fast ohn­mäch­tig wer­de. Die Hän­de zer­drü­cken jetzt fast die Orga­ne und ich fal­le zu Boden. Das Mäd­chen und die Frau sind nicht mehr im Raum. Ich bin allei­ne. Ich atme schwer. Mei­ne Augen schlies­sen sich.

Sei Still!

Ich öff­ne die Augen. Ich stel­le fest, dass mein T-Shirt durch­nässt ist. Ich lie­ge am Fuss­bo­den in der Küche. Ein mul­mi­ges Gefühl beglei­tet mich, als ich mich ent­schlies­se auf­zu­ste­hen. Ich bli­cke um mich und sehe das Mäd­chen aus dem Fes­ter schau­en. Ich spre­che sie an: «Was ist mit mir pas­siert?!»

Das Mäd­chen schau­te wei­ter aus dem Fens­ter und sagt ledig­lich: «Du bist ver­zau­bert.»

Mei­ne Stirn run­zelt sich und ich sehe sie skep­tisch an. Ich ver­neh­me Schrit­te, dre­he mich um und sehe die Frau. Unse­re Augen kreu­zen sich kurz. Ich eile zu ihr und will ihr erklä­ren was pas­siert ist. Ich hole Luft und will mit dem ers­ten Wort begin­nen, als sie mich unter­bricht: «Nicht! Sei Still!» Baff sehe ich sie an. Ich igno­rie­re ihre Auf­for­de­rung und begin­ne zu erzäh­len: «Die Hän­de! Ich weiss jetzt, was du meinst. Ich habe sie auch gespürt, es war schreck­lich!»

Plötz­lich neh­me ich wie­der die­ses Gefühl wahr. Ich mer­ke, wie sich der Raum mit Dun­kel­heit füllt und ich Angst bekom­me. Kom­men jetzt wie­der die­se Hän­de? Zeit­gleich greift mich etwas im Gesicht und drückt mich zu Boden. Die Nase und den Mund so umschlos­sen, dass ich fast ersti­cke. Ein kal­ter Hauch kriecht über mein Gesicht. Als ich aus Angst ein­at­me, weil ich sonst ersti­cken wür­de, kriecht die Käl­te über mei­ne Luft­röh­re in mei­ne Lun­ge. Mei­ne Lun­ge füllt sich ganz mit die­sem Hauch. Ich schla­ge um mich, um mich von die­sem Griff zu befrei­en. Ich ver­su­che zu schrei­en: «Geh weg! Geh weg!»

Es wird schlim­mer, der kal­te Hauch wird warm und sogar heiss. Er brei­tet sich in mei­ner Lun­ge aus und wird immer heis­ser und heis­ser! Ich hof­fe, dass sich das nicht in mei­nen Blut­kreis­lauf über­trägt. Zeit­gleich mer­ke ich, wie nun alles in mei­nem Kör­per zu glü­hen beginnt. Es wird schwarz vor mei­nen Augen.

Wach auf!

Ich höre eine Stim­me mir zuflüs­tern: «Wach auf, wach auf!»

Ich öff­ne mei­ne Augen und sehe die Frau mich leicht schüt­telnd über mir kni­end. Ich bin ver­wirrt und habe kalt. Ich zit­te­re vor Käl­te. Das Mäd­chen streckt mir einen war­men Tee ent­ge­gen. Ich rich­te mich auf, sodass ich mich in sit­zen­der Posi­ti­on am Boden ori­en­tie­re und den Tee ent­ge­gen neh­me. Ich bin erschöpft und müde. Die Frau sieht mich bedrückt an, wäh­rend­des­sen das Mäd­chen schon wie­der ver­schwun­den ist.

Jetzt füh­le ich mich genug moti­viert, mich auf mei­ne bei­den Füs­se auf­zu­rich­ten. Ich betrach­te den Raum um mich und den­ke dar­über nach, was pas­siert ist. Ich erin­ne­re mich an die Situa­ti­on. Die Dun­kel­heit, den umschlin­gen­den Griff, das pei­ni­gen­de Gefühl.

«Was pas­siert jetzt?» fra­ge ich die Frau, aus mir im Moment uner­kennt­li­chen Grün­den.

Sie ant­wor­tet knapp: «Ich weiss es nicht.»

Ich den­ke noch­mals über das Gesche­he­ne nach und ver­spü­re wie­der das Anbah­nen von unan­ge­neh­men Gefüh­len.

«Stopp! Stopp!» Sag ich mir sel­ber.

War­te – jetzt nicht so has­tig. Sei ruhig, beru­hi­ge dich. Ich atme ein paar­mal lang­sam tief ein und aus. Das tut rich­tig gut und fühlt sich super an. Ich ver­su­che noch­mals, die unan­ge­neh­me Situa­ti­on zu rekon­stru­ie­ren. Ich erin­ne­re mich an Hän­de, die mich in einem Art Wür­ge­griff fest­hiel­ten. Es fühl­te sich töd­lich an. Als ich die Gedan­ken ver­tie­fen will, greift blitz­ar­tig eine schein­bar unsicht­ba­re hand­för­mi­ge Struk­tur nach mei­nem Hals und drückt zu. Ich weh­re mich und schreie nach Hil­fe. Doch nie­mand ist im Raum. Ich bekom­me es wie­der mit die­sen unheil­brin­gen­den Gefüh­len zu tun. Allein und im Stich gelas­sen.

Jetzt ist der Moment da, in dem ich für mich ent­schei­de: Dann las­se ich es halt gesche­hen. Ein Leben mit sol­chen sich wie­der­ho­len­den Gefüh­len … für mich nicht mehr lebens­wert. Ich leis­te kei­nen Wider­stand mehr. Ich lie­ge auf dem Boden und las­se es gesche­hen. Schmerz hier und Schmerz dort. Ich weiss, bald ist alles vor­bei. Ich ver­las­se mit mei­nem geis­ti­gen Auge mei­nen Kör­per und betrach­te mich von aus­sen. Ich schaue mir ein biss­chen zu und sehe: Da sind ja gar kei­ne Hän­de oder irgend­wel­che dunk­len Mäch­te am Werk.

Die Erkenntnis

Ich begin­ne zu schmun­zeln. Da lie­ge ich am Boden und schaue mir dabei sel­ber zu. Ich schaue genau hin und stel­le umso deut­li­cher fest, dass da ja wirk­lich kei­ne Hän­de oder so etwas Dunk­les zu sehen sind. Ich mache die Augen auf und fan­ge an zu lachen. Ja was ist jetzt pas­siert? den­ke ich mir. War­um fin­de ich das so lus­tig?

Im glei­chen Moment, als ich mir die­se Fra­ge sel­ber stel­le, spü­re ich eine Erleich­te­rung, die ihres­glei­chen ich nicht kann­te. Plötz­lich scheint alles so glas­klar zu sein. Ist es denn wirk­lich so ein­fach? Die Gedan­ken rat­tern umher, aber in die­sem Cha­os scheint eine prä­zi­se Ord­nung zu bestehen. Ich lebe von Moment zu Moment. Alles ist mit­ein­an­der ver­bun­den. Alles ent­springt aus der­sel­ben Quel­le. Bewusst­sein erschafft und schöpft Bewusst­sein. Alles ist egal und trotz­dem wich­tig. Nichts exis­tiert wirk­lich und trotz­dem ist es real. Gedan­ken sind unwich­tig, aber Teil des Schöp­fungs­pro­zes­ses.

Ich will die­se Gedan­ken ord­nen. Wie kann ich das in Wor­te fas­sen? Ich fan­ge an zu füh­len, ich las­se mich von mei­nen Gefüh­len lei­ten. War es das, was Yoda aus Star Wars damit gemeint hat? Wie­der schmunz­le ich. Alles scheint mög­lich zu sein. Gren­zen sind theo­re­tisch, der Glau­be macht die­se real. Vor­stel­lun­gen sind im Kopf, der Glau­be macht die­se real. Die Höl­le ist ein Kon­strukt, der Glau­be macht die­ses real. Ich bin einer Macht aus­ge­lie­fert, der Glau­be macht dies real. Ja sogar die­se dunk­len, zer­ren­den Hän­de kön­nen mir weh tun, der Glau­be macht dies real. Ich bin ein Opfer, der Glau­be macht dies real. Ich bin ein Täter, der Glau­be macht dies real. Ich bin egal, der Glau­be macht dies real. Das reimt sich sogar.

Und bei die­sem Reim kom­me ich heim und ich füh­le mich alles ande­re als allein! Ich ver­ste­he jetzt, dass Gedan­ken und auch Gefüh­le so real sind, wie ich die­se inter­pre­tie­re. Ich las­se die Ver­gan­gen­heit Ver­gan­gen­heit sein und begin­ne, die Welt so zu betrach­ten, wie sie ist. Von Moment zu Moment.

Wie weiter?

Ich ste­he auf und schaue mich um. Die Son­ne scheint mit einer Leich­tig­keit. Ich mache mich frisch mit einem Bad und einem lecke­ren Essen und zie­he fri­sche Klei­dung an. Ich füh­le mich wohl und spü­re ein Bedürf­nis, zur Tat zu schrei­ten.

Da eröff­net sich eine neue Situa­ti­on. Die Frau betritt den Raum. Die Stim­mung ver­zerrt sich ein biss­chen. Ich blei­be wach und gehe auf sie zu und will ihr berich­ten von den Ereig­nis­sen und mei­nen Erk­ent­nis­sen, wel­che ich dar­aus gewon­nen habe.

«Hey, hör mir zu, du musst kei­ne Angst haben vor irgend­wel­chen dunk­len Hän­den, weil …»

Sie unter­bricht mich und wen­det sich von mir ab. Ich lau­fe ihr hin­ter­her und sage, dass alles in Ord­nung sei, es mache mir nichts aus, dar­über zu spre­chen. Ich habe kei­ne Angst mehr davon. Doch nun hält sie sich mit den Hän­den die Ohren zu. «Ich will dir doch hel­fen», sage ich zu ihr. Sie wen­det sich ab und beginnt zu mur­meln, das Mur­meln wird zu einem deut­lich hör­ba­ren: «Nein! Geh weg, geh weg!»

So las­se ich sie in Ruhe, und sie ver­schwin­det hin­ter der nächs­ten Ecke. Paff! Da ste­he ich nun. Ein mul­mi­ges Gefühl steigt in mir auf. Ich neh­me es und schaue es an, als das, was es ist. Es spricht zu mir, man kann dem auch Selbst­ge­spräch sagen: «Jetzt beginnt ein neu­es Kapi­tel für dich. Hilf die­ser Frau. Hilf ihr zu ver­ste­hen, ohne sie zu über­zeu­gen. Drü­cke Ihr dei­ne Vor­stel­lung oder Erkennt­nis nicht ein­fach so ins Gesicht. Und ver­giss das Mäd­chen nicht!»

Ich dre­he mich um und sehe mich in einem Spie­gel. Ich fra­ge mich sel­ber, wie ich ihr klar­ma­chen soll, dass Sie kei­ne Angst haben muss vor die­sen dunk­len Hän­den, wenn ich ihr nicht sagen kann, dass sie kei­ne Angst haben soll vor ihnen.

Bist du wach?


Bild­quel­le: Doc­tor Stran­ge, Mar­vel Films (2016)


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